Impulse

Impuls-Letter April/Mai 2022

Ein Menschenrecht auf Unvernunft

Michael Kugel Impuls-Letter April 2022, Thema „Unvernunft“

Es gibt viele Dinge, die augenscheinlich vernünftig sind, vor allem wenn wir wissenschaftliche Erkenntnisse dazu heranziehen. Fakten beruhen auf Wissenschaft und geben uns die nötige Sicherheit und Orientierung. Doch je mehr wir Wissenschaft zulassen, je mehr Erkenntnisse wir zu gewinnen scheinen, umso schwerer fällt es uns, uns von altem Wissen und alten Überzeugungen zu lösen. Manchmal verfallen wir sogar in eine Art Schockstarre und können gar nicht glauben, was Forscher so alles herausfinden.

Vorweg: der Verfasser dieser Zeilen findet Wissenschaft sehr vernünftig. Auch, dass Politik sich öfter auf wissenschaftliche Erkenntnisse einlassen sollte. Die Aktivistin Greta Thunberg fordert dies z. B. in Sachen Klimaschutz. Der Verfasser dieser Zeilen weiß aber auch, dass der Mensch (und er selbst) in aller Regel nicht (immer) vernünftig ist. Beispiele dafür gibt es genug.

Über die aktuelle Impfstofffrage sprechen wir besser nicht, weil an diesem Thema sich eine Gesellschaft spalten kann. Das kann sie aber auch zu Religion, Homöopathie, Esoterik oder Astrologie. Alles spezielle Themen, die keiner wissenschaftlichen Erkenntnis standhalten und doch gibt es viele Anhänger die darauf schwören.
Schnelle, schicke Autos, die Spaß machen, aber eben „nicht gut“ für die Umwelt sind oder körperliche Bewegung, die uns gut tut, aber eben nicht immer Spaß macht. Es gibt noch profanere Themen:

Unvernunft ist menschlich

Wir wissen, dass Alkohol und Tabak schaden. Und trotzdem die letzte Party, an die wir uns erinnern, war stimmungsmäßig großartig (trotz Kater am nächsten Tag). Wir kennen auch die Folgen von viel zu viel Zucker und wissen über die Auswirkungen von übermäßigem Fleischkonsum Bescheid. Seit Jahren erklärt uns die Wissenschaft das Weltklima und dass unser Lebensstil (mit allem Verbrauch der Ressourcen) für den Planeten nicht tragbar ist. Dasselbe gilt für Umwelthormone in Konserven und Chemikalien und Mikroplastik in Kosmetika.

Obwohl es doch so vernünftig klingt, tun wir trotzdem viele Dinge wieder der Wissenschaft. Sonnenbaden zum Beispiel oder Glückspiele. Warum fällt es uns Menschen so schwer, die Erkenntnisse der Wissenschaft anzunehmen, wenn es doch vernünftig ist? Sigmund Freud sprach von der „Lossagung vom Lustprinzip“. Dass ein Leben nach den Regeln der Forschung durchaus möglich sei, aber vieles davon eben auch freudlos.

Vernünftig sein ist unsexy

Betrachtet man das klassische Wertegerüst der Wissenschaft an sich, kann einem die Lust am Leben natürlich vergehen. Für klare Fakten braucht es immer Ordnung, Akribie und große Sorgfalt. Wäre ich ein Forscher, würde ich auch meine gesammelten Daten allerhöchster Genauigkeit überprüfen. Das wäre mein Beruf. Übertragen ins Privatleben ist dies jedoch eher unsexy, weil Sorgfaltspflicht, Kleinkariertheit und Pedanterie eben im Alltag keinen Spaß machen, schon gar nicht wenn die Botschaften der gewonnenen Erkenntnisse mit dem Zeigefinger daherkommen.

Sind wir vielleicht gerne unvernünftig?

Unvernunft, denken wir an o. g. Beispiele, hat natürlich auch immer etwas mit genießen zu tun. Die Autorin Andrea Latritsch-Karlbauer hat eine Anleitung zur Lebendigkeit geschrieben. In ihrem Buch „Es lebe die Unvernunft!“ beschreibt sie viele Selbstversuche, die zuvor für sie nie in Betracht kamen. Liegt im unvernünftigen Handeln vielleicht ein gewisser Zauber? Vielleicht auch deshalb, weil die Fakten und die Rationalität der Wissenschaft natürlich auch die Welt Stück für Stück entzaubert.

Das könnte zumindest der Grund für die innere Sehnsucht nach einer mystischen Welt sein und warum wir so oft die Fakten der Forscher in den Wind schlagen und uns lieber auf irrationale Wege begeben. Daraus könnte man wieder die Frage ableiten, ob es ein menschliches Bedürfnis nach Irrationalität gibt. Oder denken in einer freien Gesellschaft einfach alle Menschen, dass es schon genügend andere gebe die vernünftig sind?

Auf irrationales Verhalten ist Verlass

Professor Dan Ariely untersucht am Institute of Technology und der Duke University in North Carolina seit Jahren unser Verhalten und plädiert für eine „realistische Sicht“ der Dinge. Doch er sagt auch: „Menschen verhalten sich irrational, darauf kann man sich verlassen. Garantiert! Unsere Unvernunft mit der wir Entscheidungen treffen, kaufen, verhandeln, zwischen mehreren Optionen wählen, ist keineswegs chaotisch, zufällig oder willkürlich – sie hat System und lässt sich vorhersagen.“ Behavioural Economics nennt sich die Forschungsrichtung und setzt da an, wo die traditionelle Wirtschaftslehre vom rational handelnden Marktteilnehmer in Erklärungsnot gerät. Mehr dazu unter https://www.brandeins.de/corporate-publishing/das-buch-der-fragen/die-grundgesetze-unserer-unvernunft

Der Mensch denkt an das Wohl der anderen, noch öfter aber an sein eigenes

Die Wirtschaftswissenschaftler wollen nicht nur unserer Unvernunft vermessen. Sie zeigen auch Wege wie Gruppen, Unternehmen und Politik neue Rahmenbedingungen erzeugen und Anstöße geben können, um Menschen vor sich selbst zu schützen. Ihre Einsichten können dazu beitragen, unseren Einsatz für das Gemeinwohl zu fördern – von der Sozialpolitik bis zum Klimaschutz. Da bleibt zu hoffen, dass wir dann vernünftig damit umgehen.

Impuls-Letter Februar/März 2022

Brauchen wir einen „Demokratie-Knigge“?

Michael Kugel Impuls-Letter März 2022, Thema „Demokratie-Knigge“

Parteiverdrossenheit, Politikverdrossenheit und nun Demokratieverdrossenheit? Für viele ist das der Preis von einem freiheitlichen Leben in einer der individualisiertesten Gesellschaften dieser Welt oder auch nur eine logische Folge von Wohlstand einer Konsumgesellschaft. Kommt als nächstes die Geschichtsverdrossenheit?

Nun, die Pandemie macht nicht nur deutlich, wie verletzlich wir sind, sondern dass das Leben in Freiheit neben aller Selbstverständlichkeit und Annehmlichkeiten auch Ängste schürt und eine Gesellschaft spalten kann – letztlich auch am oder durch den Zweifel, ob die Demokratie geeignet sei, eine Pandemie zu meistern. Zumindest glaubten dies Ende 2021 rund 44 % der befragten Bürger:innen, die von der deutschen Nationalstiftung dazu befragt worden sind.

Das Ergebnis lässt vermuten, dass der feste Glaube an die Demokratie erst durch die Pandemie ins Wanken kam. Jedoch scheint die Krise nur der Auslöser dafür zu sein, dass in den Lockdowns in unserem Unterbewusstsein tief Vergrabenes genug Zeit hatte, ans Licht zu gelangen. Das könnte eine Erklärung dafür sein, dass langjährige Freundschaften durch die Spaltung der Gesellschaft leiden oder gar zerbrochen sind.

In der DIE ZEIT (Nr. 2) führte der Journalist Jochen Bittner ein Interview mit der erfolgreichen Autorin Juli Zeh. Dabei ging es auch darum, ob der Zutrauensschwund der Bürger:innen an ihren Staat nicht auch mit einer ziemlich hohen Erwartungshaltung zu tun haben könnte. Der Vergleich mit dem „Amazon-Prinzip“ war dabei treffend. Der Staat habe gefälligst „ruckzuck“ alle Dinge zu liefern, die JETZT gewünscht sind. Vom Impfstoff über Soforthilfe bis Sofort-Klimaschutz.

Sicherlich haben die Vertreter unseres Rechtsstaats ein Kommunikationsproblem. Selbst bei vernünftigen Bürger:innen schwindet die Akzeptanz für gut gemeinte Maßnahmen und geöffnete Türen für Alternativen. Einen Vertrauensverlust erfahren (laut Meinungsforschungsinstitut Forsa) zudem viele andere Einrichtungen und Institutionen, allen voran die katholische Kirche.

Ist das wirklich eine Einbahnstraße, wo bleibt die Bringschuld?

Nicht wenige Menschen sind der Meinung, es sei ausreichend, seine Steuern zu zahlen. Wie bei einem Automaten: 5 Euro oben rein und den Gegenwert sofort unten ziehen. So funktioniert Staat nicht.

„Frage nicht, was dein Land für dich tun kann – frage, was du für dein Land tun kannst.“ Einer der berühmtesten Sätze John F. Kennedys. Auch wenn der frühere US-Präsident dieses Zitat geklaut hat, steckt nicht weniger Bedeutung darin.

Der Eindruck (so in dem DIE ZEIT-Interview), dass das politische Selbstverständnis einer Art Konsumentenhaltung weicht, liegt auf der Hand. Die Demokratie bietet in unserem Land unzählige Möglichkeiten, sich einzubringen und teilzuhaben. Viele Menschen äußern sogar den Wunsch teilhaben zu wollen. Doch die Werkzeuge, mit denen man sich aktiv an der Demokratie beteiligen kann, werden nicht benutzt. Stattdessen verwechseln viele diesen Wunsch mit Wunscherfüllung. So Jochen Bittner.

Juli Zeh meinte, wer als Individuum dem Staat gegenübersteht, sieht sich nicht mehr als Souverän. Wie im persönlichen Alltag, so ist man auch mit dem Staat sauer, wenn Dinge nicht klappen und Bedürfnisse unerfüllt bleiben.

Was soll man also den Verantwortlichen in Staat und Politik raten?

Solange Algorithmen unmoralische und unethische Posts mit höheren Klickzahlen belohnen, ist es schwer, öffentlich und offen überhaupt etwas zu sagen. Häme und Hass scheinen spannender zu sein als seriöse und wertschätzende Informationen. Unserer Währung „Aufmerksamkeit“ lässt sich für Kritik und Empörung leichter ausgeben als für Lob und Wohlwollen. Dies fördert bei den Verantwortlichen im Staat umso mehr das Lavieren um Lösungsvorschläge. Die Folge: unkonkrete Antworten.

Die Angst vor einem Shitstorm führt offensichtlich dazu, dass sich kaum noch jemand traut, über gute und tragfähige Lösungen zu sprechen. Die Sorge, dass das Individuum sofort losschreit, ist berechtigt. Soll das Geschrei geringer ausfallen, wird (etwas gefahrloser) der Mainstream bedient. Das ist sehr kurz gedacht, denn wer es allen und jedem Recht machen möchte, vergibt sich die Chance für ein kluges Handeln mit langem Atem. Durchhaltevermögen für lange Zeiträume wäre besser.

Weil das Gute viel weniger gesagt und gehört wird, werden von den Medien die populistischen und polemischen Meldungen gebracht, die sich zudem auch gut verkaufen lassen. Wir Bürger:innen sollten das wissen und in unserer Meinungsbildung mit berücksichtigen.

Ein verantwortliches Vorgehen in einem Staatswesen wäre nicht jedem Tagestrend nachzugeben, sondern Orientierung durch Langfristigkeit und Verlässlichkeit zu geben. Juli Zeh fände es z. B. gut, wenn Politiker sich von Twitter & Co. fernhalten. Dem kann man nur beipflichten.

Was wünschten wir uns von der Politik?

  • Weniger Kurzlebigkeit, sondern mehr Ausdauer und Verlässlichkeit.
  • Weniger Floskeln und Worthülsen, sondern mehr Konkretheit und Klarheit.
  • Weniger Mutlosigkeit, sondern mehr Ehrlichkeit (auch beim Eingestehen von Fehlern).
  • Weniger Geschrei und Gezanke, sondern mehr Sach- und Fachverstand.

Wir sollten uns aber auch darüber im Klaren sein, dass wir – als Souverän – ein besseres Verhalten belohnen können. Nicht immer nur dagegen sein, Schimpfen und am Ende meinen, die Dinge selbst in die Hand nehmen zu müssen.

Juli Zeh ist der Meinung, dass wir alle besser sind, als es die Fast-Food-Moral vorgibt. Wir alle sind klüger, höflicher, gesitteter und interessierter. Wir dürfen gerne Mal kurz innehalten und überlegen, ob wir immer gleich sofort unserem Unmut Luft machen müssen.

Wie gelingt es das WIR der Gemeinschaft zu stärken?

Besinnen wir uns auf uns, und unsere Geschichte. 1. Jeder Mensch hat ein tiefes Bedürfnis, in Frieden und Wohlstand zu leben. 2. Demokratie ist noch nie einfach gewesen, dabei muss man auch viel aushalten können, Bürger ebenso wie Verantwortliche des Staats. Wir, sprich unser Land, haben aber schon so viel geschafft. Es sollte jede:r ein Interesse haben, dass unsere Gesellschaft an den unterschiedlichen Meinungen nicht zerbricht.

Zurückhaltung kann manchmal helfen und schafft die Basis für ein aktives Zuhören, gepaart mit dem Versuch, den anderen zu verstehen. Demokratie kann und muss das aushalten. Das hohe Gut Frieden und Wohlstand sind sonst in Gefahr, das sollten alle bedenken. Darum ist es lohnenswert, sich für beides starkzumachen.

Und eines ist sicher, verglichen mit einem Großteil dieser Welt, sind wir immer noch auf einem Flecken Erde, für den wir weltweit sehr beneidet werden. Wer will in globalen Krisen wirklich wo anders sein, als in unserem Land?

Impuls-Letter Januar 2022

Jahresmotto 2022

Michael Kugel Jahresmotto 2022 Klarheit

Impuls-Letter Dezember 2021

Auszug aus einem Interview mit Elisa Bitzelmeier (Süddeutsche Zeitung) vom 20.12.2021

Michael Kugel (Vorsitzender des Deutschen Knigge-Rat) wurden Fragen gestellt, ob man Gebrauchtes verschenken sollte oder nicht.

Michael Kugel Impuls-Letter Dezember 2021

SZ: gebrauchte Sachen verschenken, geht das?

MK: Warum nicht etwas Gebrauchtes verschenken. Nicht, weil „Secondhand“ gerade in die Zeit passt, sondern weil das Geschenk selbst zum/zur Beschenkten passt. Ich selber habe einen kleinen Globus aus Blech bekommen. Ein bisschen verbeult und ganz leicht rostig, aber wunderschön. Diesen hatte jemand für mich auf einem Flohmarkt entdeckt. Ich stehe nämlich auf Landkarten und bekam auch schon einen alten Schulatlas aus 1903 mitgebracht.
SZ: Second-Hand-Geschenke wären ja eigentlich besonders nachhaltig und müssten damit im Trend liegen – offenbar trauen sich aber viele nicht so recht.

MK: Eine Freundin erzählte mir, dass sie ein Kaffee-Service von einer hochbetagten Tante bekommen hat. Nicht das, was sie sich selbst gekauft hätte (wer braucht schon ein Service?). Aber – doch Porzellan aus dem Bestand einer feinen Dame, die bislang ein tolles, spannendes Leben gelebt hat und wunderbare Menschen aus diesen Tassen einmal getrunken haben. Sie hat sich darüber sehr gefreut. Mit einer positiven Emotionen oder einer guten Geschichte darf man sich auch trauen und etwas aus zweiter Hand weitergeben.

SZ: Noch dazu gibt es dieses Jahr Lieferschwierigkeiten mit vielen neuen Produkten. Warum sind wir da so zurückhaltend?

MK: Schenken und Geschenke gibt es seit Beginn unsere Menschheitsgeschichte. Es war stets mehr als eine Geste. Es ist ein Ritual und in den Ursprüngen unseres Sozialverhaltens hatte es sicher nichts mit „es MUSS NEU sein“ zu tun. Vielleicht hat eine gewisse Zurückhaltung mit unserem Wohlstand zu tun?

Ich war auf einem 70. Geburtstag. Kein Gast durfte etwas mitbringen. Dies war von der Jubilarin verboten worden. Jeder Gast bekam jedoch bei der Verabschiedung ein hübsch verpacktes Geschenk mit nach Hause. Es stellte sich heraus, die das Geburtstagkind Dinge aus dem Haushalt, von denen sie sich trennen wollte, einer anderen Person mitgegeben hat, wo von sie glaubte, dass der Gegenstand nun viel besser genutzt werden würde.

SZ: Und wenn man sich dann doch für Gebrauchtes entscheidet: Wie macht man es richtig? Sagt man dazu, dass ein Geschenk gebraucht gekauft ist?

MK: Meine Beispiele aus dem echten Leben sollen zeigen, dass Geschenke nicht immer neu sein müssen. Ich kann mir das auch bei Büchern, die einen Leser*in begeistert haben, vorstellen. Wenn man dazu noch etwas Persönliches schreibt, z. B. wie sehr einen dieses Buch gefesselt hat und dass man sich dies nun auch für den Beschenkten wünscht, dann ist das doch eine sehr persönliche Angelegenheit, die man mit manchen neuen Dingen nicht immer erreicht.

Ich kann mir vorstellen, dass es sehr viele Sachen gibt, die durch ein kluges Weiterreichen wieder an Wert gewinnen. Wer sich Gedanken über eine Person macht, kann auch mit einem gebrauchten Gegenstand punkten. Hinzu kommt, dass sehr viele Menschen in unserer Gesellschaft die Schränke voll haben. Somit ist es eine wunderbare Geste, sofern es stimmig ist und nicht „Müll entsorgt“ wird, wenn auf so eine Idee bei Gelegenheit zurückgegriffen wird.

Wichtig ist, dass der Gegenstand in jedem Fall zur bedachten Person passt und dass wäre mir persönlich auch sehr wichtig, der Gegenstand auch mir gefällt. Denn ich würde ja auch nichts neu kaufen, was mir nicht gefällt.

Impuls-Letter Januar 2021

Jahresmotto

Auch für 2021 haben meine Frau und ich uns ein Motto überlegt, welches uns ein Jahr lang begleiten soll.
Für 2021 wünschen wir Ihnen, wie gwohnt mit eigenem Text und Fotos, aufrichtigen Zusammenhalt.

Impuls-Letter April 2020

„Corona“ stellt unseren Alltag auf den Kopf

Jonathan Lösel und ich sind die Vorsitzenden des Deutschen Knigge-Rats. Derzeit werden wir oft von Medienvertretern gefragt, was wir vom Knigge-Rat zur gegenwärtigen Krise zu sagen haben. Da schon viel zu viel an Tipps und „neuen Regeln“ gesagt wurde, wollen wir nicht noch die Empfehlung XY zum Besten geben.

Manches ist so logisch, dass es keine Kommentare bedarf.

So hat Jonathan einen ganz anderen Ansatz entwickelt, in dem er sagte: Stellt man die Zahl 6 auf den Kopf, erhält man eine 9. Um diese Zahl wiederum richtig sehen zu können, muss man sich selbst auf den Kopf stellen.

Krisen verändern das Gewohnte.

Es heißt, sie bergen Chancen und veranlassen uns dazu unsere Sichtweise zu verändern, manchmal um 180°.

Wollen wir den wertschätzenden Umgang mit unseren Mitmenschen auch in der aktuellen Situation unterstreichen, empfiehlt sich vor allem beim Thema Händeschütteln eine Herangehensweise, die, unter Beibehaltung der ursprünglichen Werte dieser Alltags-Geste und der Vorgaben und Empfehlungen seitens der Regierung und der Medizin, genau entgegengesetzt abläuft.

Wo liegt der Ursprung?

Da früher, bis auf wenige Menschen, niemand lesen und schreiben konnte, wurde alles, was die Menschen über Jahrtausende vereinbarten, jeder Vertrag, jeder Handel, mit einem Handschlag besiegelt. In unserer europäischen Kultur wurde der Handschlag zum Symbol für Verbindlichkeit und Verlässlichkeit. „Gib die Hand darauf!“, kann man immer noch oft hören.

Historisch betrachtet ist ein Händedruck auch der „Gruß zur Ehre“. Die mittelalterliche Gesellschaft kannte klare Begrüßungsregeln. Der Gruß mit Händedruck galt als Zeichen der Ehrerbietung und gab dem Gegenüber einen gewissen Grad an Sicherheit. Die Hand, welche zum Gruß gereicht wurde, konnte nicht gleichzeitig zur Waffe greifen.

Des Weiteren wird Nähe gezeigt, da sich bei einem Handschlag zwei Menschen automatisch in die persönliche Distanzzone begeben. Diese Nähe wird häufig als besondere Wertschätzung empfunden, da im Handschlag auch eine gewisse Beziehungspflege steckt.

Die 180°-Wende

Die Grundmotivation war also Ehre und Sicherheit, Nähe und Wertschätzung, aber auch Verlässlichkeit. Übertragen wir dies auf unser Verhalten in der aktuellen Corona-Situation, kann man seinem Gegenüber ein Gefühl von Sicherheit geben, indem eben nicht die Hand gereicht wird, auf der sich eventuell übertragbare Viren befinden könnten.

Ins Gegenteil übertragen sagen wir aktuell: Wer Sorge für die Gesundheit eines anderen Menschen trägt, bleibt auf Distanz (damit keine Ansteckungsgefahr von einem selbst ausgeht). Genau dadurch wird im Augenblick Wertschätzung und Sicherheit vermittelt.

Die Ehrerbietung kann in diesen Tagen auch auf Distanz erfolgen. Wir kommen niemandem zu nahe, überrennen keinen und halten uns an die staatlich empfohlenen Gesundheitsmaßnahmen. Das Eintreten in persönliche Distanzzonen und das gewohnte Händeschütteln ist in der aktuellen Situation eher mit Angst verbunden und kann als respektlos empfunden werden.

Unsere Empfehlung lautet daher: Bleiben Sie mit Abstand vor Ihrem Gegenüber stehen, begrüßen ihn verbal, schauen ihm in die Augen und schenken ihm dabei wie gewohnt ein freundliches Lächeln.
Irgendwann wird die Corona-Zeit vorüber sein. Wäre es nicht schön, wenn wir dieser, leider häufig zur Floskel verkommenen Geste, dann vom ursprünglichen Gedanken her wieder mehr NachDRUCK verleihen und Aufmerksamkeit schenken können?

Bleiben Sie gesund
Ihre
Vorsitzenden des Deutschen Knigge-Rats
Jonathan Lösel und Michael Kugel

Impuls-Letter Februar 2020

„Je mehr ich poste, desto schlechter fühle ich mich“

Diese Überschrift habe ich im Zeit Magazin (Ausgabe 7.11.2019) gelesen und kam darüber auf ein Interview mit der Londonerin Olivia Sudjic, die mit ihrem Buch „Sympathie“ einen Schlüsselroman für die Millennials, also der- und diejenigen, die in den frühen 1980ern bis späten 1990er Jahren geboren wurden, geschrieben hat.

In ihrem Roman geht es darum, wie das Internet die Psyche der Menschen verändert. Ich, Mitte 50, habe das Interview verschlungen. Ich fand es spannend, faszinierend habe aber auch ein mulmiges Gefühl bekommen und kann nun gut verstehen, warum es nötig ist, auf Instagram zwei Identitäten zu haben.

Bedingungsloses Vertrauen

ist die Basis. Dabei wurde die Technologie, sprich soziale Netzwerke und Apps entwickelt, um uns zu manipulieren. Olivia Sudjic vergleicht die Mechanismen mit einer Spielhölle. Facebook existiert nicht als Zeitvertreib. Es ist dazu gemacht, dem Nutzer Daten zu rauben und weiterzuverkaufen.

Im Interview, wohl als Vorgeschmack auf „Sympathie“, schildert Frau Sudjic wie die Entscheidungen, die wir online treffen, uns verändern. Wie die Daten, die wir hochladen, auf unser Selbstbild wirken. Das „Internet“ gibt vor, uns zu kennen. In Wahrheit sind wir ein Haufen gesammelter Daten woraus Algorithmen ein Bild von uns und unseren angeblichen Bedürfnissen ableiten. O. Sudjic gibt als Beispiel, warum wir ein bestimmtes Buch kaufen oder wo wir den nächsten Urlaub verbringen sollen.

Viele Menschen scheinen nicht darüber nachzudenken, dass bestimmte Vorschläge deshalb gemacht werden, weil dieses Buch auch meinen Freunden gefällt. Und wenn mögliche Urlaubsorte als Geheimtipp empfohlen sind, muss man sich nicht wundern, wenn dies auch 100.000 andere denken.

Bunte OstereierGroßartige Vielfalt, bunt und schön anzusehen, in Wahrheit doch immer das Gleiche.

Als Knigge Trainer weiß ich, dass unsere Identität auch durch unsere Herkunft und unser kulturelles Umfeld bestimmt ist. Durch Olivia Sudjic ist mir aber auch bewusst geworden, dass Zufälle in unserem Leben ebenso wichtig sein können. Wir stellen uns vor, dass wir in einem Buchladen herumstöbern und völlig unerwartet auf etwas gestoßen werden, dass uns einen neuen Impuls oder neuen Weg weist. Das Gleiche passiert, wenn ich unterschiedliche Zeitungen lese und mich nicht nur auf ein und denselben Kanal konzentriere (den auch alle anderen in meinem sozialen Umfeld konsumieren). Mich traue, einfach einmal dahingehe, wo ich niemanden kenne.

Olivia Sudjic macht deutlich, dass es um einen Mechanismus geht. Weil mir bestimmte Dinge im Netz gefallen haben, werden mir auf dieser Grundlage automatisch andere Dinge angeboten. Alles geschieht scheinbar folgerichtig und lässt keinen Platz für Irrtümer oder Veränderungen. Das einzige, was ich nicht wahrnehme, ist, dass der Raum um mich herum sich nicht entwickelt, schon gar nicht weiterentwickelt oder vergrößert, sondern schrumpft.

Frau Sudjic spricht auch darüber, dass viele Menschen Bücher aufgrund von Amazon-Ratings kaufen. Doch wer macht sich darüber Gedanken, wie diese Ratings zustande kommen? Ein Rating kann auch davon abhängig sein, ob ein Buch pünktlich geliefert wurde oder in einem zerrissenen Umschlag ankam. Wenn also jemand aufgrund einer verspäteten Zustellung ein beschädigtes Exemplar erhält und schreibt deshalb eine schlechte Beurteilung, beeinflusst diese Stimme das Rating. Dies sagt jedoch nichts darüber aus, ob das Buch gut oder schlecht ist. Ich gebe Frau Sudjic recht. Das ist grauenhaft!

Ein weiterer Aspekt ist, dass sich auf Nutzerebene die Grenzen zwischen realer und manipulierter Welt auflösen. Die Bilder, Filme, Nachrichten, alles was wir aus dem Internet konsumieren ist eine riesige Assemblage, eine Collage unterschiedlicher Reize, die unser Gehirn gleichzeitig verarbeiten muss. Die Nachricht vom Terroranschlag in Hanau steht – zusammen mit der Geburt eines Babys eines Freundes, dem wöchentlichen Schulblatt oder dem Newsletter zum neuen Weinjahrgang – auf dem gleichen Rang.
Wir können so kaum noch die wichtigen, relevanten Dinge von dem Unwichtigen unterscheiden.

Ein bisschen setze ich auch die unsäglichen Meldungen über das neue Corona-Virus auf diese Stufe. Je mehr Medien immer wieder die gleichen Bilder zeigen, je schneller irgendwo eine angebliche Infizierung (wie die in Thüringen) gemeldet wird (und sich im Nachhinein nicht bestätigte), umso mehr verfallen Menschen in Angst, mit dem Ergebnis von leeren Supermarktregalen durch Hamsterkäufen. Wenn Cent Artikel wie zum Beispiel ein Mundschutz zu astronomischen Preisen verkauft werden, denkt keiner mehr darüber nach, dass dieser angebliche Schutz nichts anderes als Kosmetik ist.

In diesem Sinne erhoffe ich mir mit diesem Impuls wieder mehr zu hinterfragen und sich wieder auf sich selbst zu verlassen. Wir können das. Unser Körper, unsere Sinne haben es in unserer gesamten Entwicklung zum Menschen gelernt. Wir müssen uns nur trauen, das Smartphone auch mal zur zu Seite legen.

Impuls-Letter Januar 2020

Jahresmotto

Auch für 2020 haben meine Frau und ich uns überlegt, was uns ein Jahr lang leiten soll.
Die Texte, in diesem Jahr auch das Zitat, stammen wie gewohnt aus eigener Feder, wie auch die entsprechenden Fotos.
Nun möchten wir Sie an unserem Jahresmotto teilhaben lassen.
Für 2020 wünschen wir Ihnen viele, schöne gastfreundschaftliche Momente.

Impulse Jahresmotto 2020

Gastfreundschaft

Gastfreundschaft ist eine Haltung. Sie bedient unsere Urbedürfnisse von Essen und Trinken mit Stabilität und kommunikativen Aspekten wie Gemeinschaft, Zugehörigkeit und Liebe. Nichts verbindet Menschen mehr wie ein Fest und ein gemeinsames Essen.

Gastfreundschaft ist interkulturell unsere größte Gemeinsamkeit und bis in die entlegensten Winkel der Erde entwickelt. Ob Hochkultur oder Naturvolk, zu jeder Zeit war es ein Ritual für Status, Macht und Gesten. Jedoch auch die menschliche Kraft zur Beziehungspflege, Sicherheit und Schutz.

Gastrecht und Gastpflicht sind wie Brückenköpfe. In ihnen ruht die Verantwortung. Sie geben Halt und Vertrauen. Sie nährten sich einst aus den christlichen Werten Barmherzigkeit und Nächstenliebe. Gastfreundschaft ist die Basis für das Grundrecht auf Asyl.

Gastfreundschaft ist stets in Bewegung wie ein Fluss. Sie zeigt sich mal tiefgründig, mal mitreißend, mal flach und nach der nächsten Wendung erwacht die Neugier aufs Neue. Wie ein Strom durchbricht sie Barrieren und verbindet Gesellschaften in allen Kulturen.

Gastfreundschaft ist Aufwand, ein Kraftakt und doch keine Last. Es macht Freude, weil viel mehr bleibt als nur ein Moment. Wer sich darauf einlässt, erfährt einen Wandel vom Ich zum Wir. Gastfreundschaft verdient höchsten Respekt.